25 Aug., 2026

Hitzewelle brachte Kliniken in NRW und RLP an ihre Grenzen

Ergebnisse der MB-Umfrage: Patientensicherheit gefährdet, Personal arbeitete trotz gesundheitlicher Warnsignale weiter

Die extreme Hitzewelle Ende Juni hat die Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen und Rhein-land-Pfalz vor erhebliche Probleme gestellt. Eine Befragung des Marburger Bundes NRW/RLP unter über 1.000 Klinikärztinnen und Klinikärzten zeigt: In zahlreichen Kliniken waren die Patientensicherheit und Gesundheit des Personals konkret gefährdet. Es fehlte vielfach an wirksamer Kühlung, ausreichendem Personal und verbindlichen Hitzeschutzkonzepten. Es gab eine deutlich erhöhte Sterblichkeit von überwiegend älteren, multimorbiden und immobilen Patientinnen und Patienten.

„Die Ergebnisse sind alarmierend. Die Hitzewelle hat offengelegt, dass viele Krankenhäuser auf extreme Temperaturen gar nicht vorbereitet sind. Wenn Patienten in überhitzten Zimmern hypertherm werden und Ärzte trotz eigener Warnsymptome weiterarbeiten, ist eine Grenze erreicht, die wir nicht akzeptieren dürfen“, erklärt Dr. med. Hans-Albert Gehle, Vorsitzender des Marburger Bundes NRW/RLP. „Hitzeschutz im Krankenhaus ist keine Komfortfrage, sondern eine Frage der Patientensicherheit und des Arbeitsschutzes.“

70,9 Prozent bewerten Patientensicherheit als mangelhaft oder unzureichend.

Besonders deutlich fällt die Bewertung der Patientensicherheit aus: 70,9 Prozent der Befragten bewerteten sie während der Hitzewelle mit „mangelhaft“ oder „unzureichend“. Im Normalbetrieb bewerten lediglich 5,5 Prozent der Befragten die Patientensicherheit mit „mangelhaft“ oder „unzureichend“. 58,0 Prozent berichteten, dass die Patientensicherheit zeitweise konkret gefährdet gewesen sei. Für 53,8 Prozent gelang die Versorgung zumindest teilweise nur durch Improvisation oder glückliche Umstände.

Das zentrale Problem waren die hohen Temperaturen. 64,7 Prozent der Befragten arbeiteten bei mehr als 30 Grad Celsius an ihrem Arbeitsplatz, 17,5 Prozent sogar bei mehr als 35 Grad. Gleichzeitig gaben 83,3 Prozent an, dass Patientenzimmer auf Normalstationen überhaupt nicht wirksam gekühlt werden konnten.

Ein typisches Gefährdungsmuster war der „Drehtür-Effekt“ zwischen Intensiv- und Normalstation, der sich in Dutzenden Schilderungen wiederholt: Patienten wurden auf der klimatisierten Intensivstation stabilisiert, mussten später von den überhitzten Normalstationen erneut zurückverlegt werden – Intensivbetten wurden allein zur Kühlung blockiert.

An einigen Kliniken fehlten nach Aussagen von mehreren Ärztinnen und Ärzte Kühlmittel. Genannt werden ausgehende Coolpacks, Infusionen, Kühlmatten und sogar Handtücher; improvisierte Kühlung mit nassen Bettlaken; Ventilatoren aus Brandschutz- oder Hygienegründen verboten oder in zu geringer Zahl vorhanden.

Die Notaufnahmen waren nach den Angaben der Befragten oft überlastet: 19,9 Prozent der Befragten berichten von mehrfacher oder täglicher Abmeldung von der Notfallversorgung. Berichtet werden über 500 Patienten in 48 Stunden in einer ZNA, Wartezeiten in überhitzten Räumen, Versorgung in Rettungswagen, weil kein Platz mehr war.

Auch die Arzneimittelsicherheit war in manchen Kliniken nicht mehr gewährleistet, berichten 13 Ärztinnen und Ärzte. Überhitzte Medikamentenräume und -schränke (32 °C und mehr), gebrochene Kühlketten, geschmolzene Zäpfchen, kritisch erwärmte Kühlschränke für Erythrozytenkonzentrate; Medikamente und Blutkulturflaschen mussten verworfen werden. 

Zudem berichten 16 Ärztinnen und Ärzte vom Ausfall von Medizintechnik, IT und Labor infolge hitzebedingter Abschaltung der Geräte und ausgefallener Klimaanlagen.

„Wir dürfen nicht darauf hoffen, dass die nächste Hitzewelle weniger schlimm ausfällt. Krankenhäuser müssen baulich und organisatorisch so ausgestattet sein, dass sie auch bei Extremtemperaturen sicher funktionieren. Dazu gehören funktionierende Klimatisierung, verbindliche Temperaturgrenzen und klare Eskalationsstufen für den Krankenhausbetrieb“, mahnt Dr. med. Hans-Albert Gehle.

Ärztinnen und Ärzte berichten von Todesfällen und schweren Zwischenfällen.

Besonders erschütternd sind die Angaben in den Freitextantworten der Umfrage. 66 von 546 ausgewerteten Freitextangaben (12 Prozent) berichten ausdrücklich von Todesfällen oder Übersterblichkeit im Zusammenhang mit der Hitze – obwohl nach Todesfällen nicht gefragt worden war. Mehrfach berichten Ärzte davon, dass Patienten wegen einer anderen Erkrankung aufgenommen wurden und erst im Krankenhaus aufgrund der hohen Temperaturen eine Hyperthermie entwickelten.

Auch schwere medizinische Zwischenfälle werden in 57 Einzelfallschilderungen beschrieben: Hitzschläge und Körpertemperaturen von mehr als 41 oder 42 Grad, Reanimationen, Delirien und Verlegungen zwischen Intensiv- und Normalstationen. In einzelnen Häusern mussten Bereiche wegen der Hitze geschlossen oder Patienten evakuiert werden. Mehrfach wird von überfüllten Leichenkühlräumen, teils mit Ausfall der Kühlung, berichtet.

„Wir sprechen hier ausdrücklich über Berichte von Ärztinnen und Ärzten und nicht über eine amtliche Todesursachenstatistik. Aber die Vielzahl und Eindringlichkeit dieser Schilderungen muss unsere Politiker und Krankenhausträger aufrütteln. Jeder vermeidbare Schaden ist einer zu viel“, betonte Dr. med. Hans-Albert Gehle.

Jeder zweite Mitarbeiter arbeitete trotz eigener Warnsymptome weiter.

Auch das Klinikpersonal war erheblichen gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt. 61,1 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre eigene Gesundheit während der Hitzewelle gefährdet oder beeinträchtigt war. Besonders alarmierend: Jede zweite Ärztin und jeder zweite Arzt (52,1 Prozent) hat Warnsymptome des Körpers bewusst ignoriert und weitergearbeitet. 68,1 Prozent fühlten sich mit der Belastung allein gelassen, 56,9 Prozent dauerhaft überlastet.

Gleichzeitig waren 77,2 Prozent der Personal- und Arbeitsräume nicht wirksam gekühlt. Zusätzliche Personalbesetzung gab es nur bei 3,9 Prozent, zusätzliche Pausenregelungen sogar nur bei 1,4 Prozent der Befragten.

„Dass Ärztinnen und Ärzte ihre eigenen Warnsignale ignorieren, weil sie ihre Patienten nicht im Stich lassen wollen, darf nicht zum Normalzustand werden. Wer von Beschäftigten verlangt, unter extremen Bedingungen weiterzuarbeiten, muss auch für wirksamen Schutz und ausreichende personelle Reserven sorgen“, fordert Dr. med. Hans-Albert Gehle.

Krankenhäuser brauchen verbindliche Hitzeschutzstandards.

Die MB-Befragung zeigt zugleich erhebliche Defizite der Kliniken bei der Vorbereitung: 84,2 Prozent der Befragten halten ihre Klinik für organisatorisch nicht ausreichend auf die Hitzewelle vorbereitet. 83,1 Prozent sehen ihr Haus auch für eine vergleichbare Hitzewelle künftig nicht ausreichend gerüstet. Die Unterstützung durch Arbeitgeber und Träger bewerteten 80,7 Prozent als nicht ausreichend, die Unterstützung durch Politik und Behörden sogar 88,3 Prozent als nicht ausreichend.

Die Forderungen der befragten Ärztinnen und Ärzte sind eindeutig: 93,3 Prozent verlangen eine bauliche und technische Kühlung sensibler Bereiche wie Intensivstationen, Notaufnahmen und Patientenzimmer. 61,0 Prozent fordern verpflichtende Temperaturmessungen und Dokumentationen in patientennahen Bereichen. 57,4 Prozent verlangen eine Refinanzierung notwendiger Hitzeschutz-Investitionen durch Bund und Länder.

„Hitzeschutz muss endlich ein Bestandteil der Krankenhausplanung und der Investitionsfinanzierung werden“, fordert Dr. med. Hans-Albert Gehle. „Wir brauchen verbindliche Standards statt freiwilliger Empfehlungen. Dazu gehören klimatisierte patientennahe Bereiche, Temperaturgrenzen, funktionierende Hitzeschutzpläne und ausreichend Personal, um bei Extremhitze reagieren zu können“, unterstreicht Gehle. „Die nächste Hitzewelle kommt mit Sicherheit. Die Frage ist, ob unsere Krankenhäuser dann besser vorbereitet sind.“

Zur Befragung:

An der Online-Befragung nahmen über 1.000 Ärztinnen und Ärzte in NRW und RLP teil. Der Erhebungszeitraum war vom 9. bis 29. Juli 2026. Bezugspunkt war die extreme Hitzewelle mit ihrem Höhepunkt vom 26. bis 28. Juni 2026. Neben der Beantwortung von konkreten Fragen wurden zusätzlich 546 Freitextantworten systematisch ausgewertet. Die Befragung ist keine repräsentative Zufallsstichprobe. Angaben zu Todesfällen beruhen auf Beobachtungen und Einschätzungen der Befragten und stellen keine validierte Todesursachenstatistik dar.

Zitierfähige Belege aus den anonymen Freitextantworten:

  • „Die Todesfallzahlen in unserem Krankenhaus an dem Hitzewochenende KW 26 haben sich verzehnfacht.“
  • „Massive Übersterblichkeit“
  • „In unserem Haus sind an den zwei heißesten Tagen in zwei Abteilungen ca. 20 Patienten hitzeassoziiert gestorben. … erschütternd und unfassbar, da sie vermeidbare Tote sind.“
  • „Wir hatten 14 Tote an dem Hitze-Wochenende.“
  • „8 verstorbene Patienten in der Geriatrie innerhalb 48h.“
  • „Erhöhte Mortalität vergleichbar mit Covid-Zeit.“
  • „Es sind mindestens drei Patienten, die wegen anderer Indikation aufgenommen worden sind, im Krankenhaus durch zu heiße Patientenzimmer hypertherm geworden und verstorben.“
  • „… nicht messbare Körpertemperatur, Thermometer nur noch mit der Anzeige +++, eine stille Naturkatastrophe.“
  • „Messung von 50 Grad auf einer Station mit beatmeten Kindern, welche letztendlich geschlossen und evakuiert wurde.“
  • „Wir mussten Intensivzimmer schließen, weil sie 38 Grad Raumtemperatur hatten.“
  • „Eine komplett ungekühlte Intensivstation, wo kritisch kranke Menschen liegen, ist für ein Land wie Deutschland komplett inakzeptabel.“
  • „Ich bin im OP kollabiert. Zum Glück nach Fertigstellen der Gefäßanastomose.“
  • „Fehler durch Konzentrationsprobleme durch Hitze.“
  • „Es gab keinerlei Konzept, wir sind sehenden Auges in diese Katastrophe gerannt.“

Hinweis für die redaktionelle Verwendung: Diese Zitate stammen aus anonymisierten Freitextantworten der MB-Befragung.

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Michael Helmkamp

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